Jahresbericht der Servicestelle Soziales

Der Jahresbericht 2025 der Servicestelle Soziales und Beratung dokumentiert 3.515 Beratungskontakte sowie zahlreiche Veranstaltungen und Ehrenamtsangebote, lässt jedoch wesentliche Fragen zu Kosten, Personalaufwand und konkreten Ergebnissen offen.

„Viele Kontakte sind noch kein Beleg dafür, dass Probleme nachhaltig gelöst und Menschen dauerhaft zur Selbstständigkeit befähigt wurden“, erklärt Christopher Groß.

Für künftige Berichte fordert er deshalb nachvollziehbare Wirkungskennzahlen, eine transparente Darstellung der Kosten sowie eine klare Abgrenzung zwischen kommunalen Aufgaben, professioneller Hilfe, Ehrenamt und privater Verantwortung.

„Die Stadt muss älteren Menschen verlässlich helfen. Zugleich darf der Staat aber nicht zur Vollkasko für alle Lebensbereiche werden. Nicht jede Schwierigkeit bei Formularen, Arztterminen oder der Alltagsorganisation kann dauerhaft durch kommunale Stellen aufgefangen werden. Insbesondere dann nicht, wenn an anderer Stelle öffentliche Mittel ohne erkennbaren Mehrwert eingesetzt werden.“

Jahresbericht der Servicestelle Soziales

Der Jahresbericht 2025 der Servicestelle Soziales und Beratung, kurz SuB, vermittelt zunächst den Eindruck einer sehr umfangreichen Tätigkeit: 3.515 Beratungskontakte, zahlreiche Veranstaltungen, Netzwerktreffen, Ehrenamtsangebote und Informationsmaßnahmen werden für das vergangene Jahr aufgeführt. Diese Arbeit verdient Anerkennung. Insbesondere dort, wo älteren Menschen in konkreten Notlagen geholfen wird.

Ein Jahresbericht sollte jedoch nicht nur dokumentieren, wie viel gearbeitet wurde. Er sollte vor allem beantworten, was mit dieser Arbeit erreicht wurde, welche Kosten damit verbunden sind und ob die eingesetzten Mittel dauerhaft Wirkung entfalten. Genau hier bleiben aus meiner Sicht wesentliche Fragen offen.

Viele Kontakte sind noch kein Wirkungsnachweis

Von den insgesamt 3.515 Beratungskontakten wurden 1.353 im Fachverfahren OPEN PROSOZ und 2.162 anonym erfasst. Im Vergleich zu 2024 blieb die Zahl nahezu unverändert. Der Bericht weist damit eine hohe Nachfrage nach dem Angebot nach mehr aber zunächst nicht.

Denn ein Kontakt ist nicht automatisch ein gelöstes Problem. Ein Telefonat, eine Weiterleitung an eine andere Stelle oder eine Unterstützung beim Ausfüllen eines Formulars kann sinnvoll sein. Daraus lässt sich jedoch noch nicht ableiten, ob sich die Lebenssituation der betroffenen Person nachhaltig verbessert hat.

Der Bericht enthält kaum Angaben dazu,

  • wie viele Fälle erfolgreich abgeschlossen werden konnten,
  • wie viele Menschen anschließend selbstständiger handeln konnten,
  • wie viele drohende Wohnungsverluste tatsächlich verhindert wurden,
  • wie viele Ratsuchende dauerhaft auf weitere Unterstützung angewiesen blieben,
  • und welche konkreten Ergebnisse die einzelnen Angebote erzielt haben.

Damit bleibt der Bericht weitgehend bei einer Leistungsbeschreibung stehen. Eine echte politische Bewertung der Wirksamkeit ist so nur eingeschränkt möglich.

Mehr Aufgaben für die Verwaltung

Auffällig ist außerdem, wie breit das Aufgabenfeld der Servicestelle inzwischen geworden ist. Die Beratung reicht von Pflege- und Krankenversicherungsfragen über Wohngeld, Grundsicherung und Schwerbehindertenausweise bis hin zu Arztterminen, haushaltsnahen Dienstleistungen, digitalen Anwendungen, Vollmachten, gesetzlichen Betreuungen und Fragen der Alltagsorganisation.

Natürlich benötigen viele ältere Menschen Unterstützung. Gerade bei hochaltrigen oder gesundheitlich stark eingeschränkten Personen kann eine solche Hilfe notwendig und menschlich geboten sein. Trotzdem muss die Politik die Frage stellen, ob die Kommune schrittweise zur Anlaufstelle für sämtliche Schwierigkeiten des täglichen Lebens wird.

Wenn ältere Menschen bei Online-Terminvereinbarungen, Formularen oder der Organisation von Arztbesuchen Hilfe benötigen, zeigt das nicht nur einen individuellen Unterstützungsbedarf. Es zeigt auch, dass staatliche und private Systeme zunehmend komplizierter werden. Die richtige politische Antwort kann deshalb nicht ausschließlich darin bestehen, weitere kommunale Beratungs- und Lotsenstrukturen aufzubauen.

Ebenso notwendig sind:

  • weniger komplizierte Antragsverfahren,
  • erreichbare Behörden und Arztpraxen,
  • verständliche Schreiben,
  • verlässliche persönliche Ansprechpartner,
  • und ein konsequenter Abbau unnötiger Bürokratie.

Die Kommune darf nicht dauerhaft die Folgen einer immer komplizierteren Verwaltung auffangen, ohne die Ursachen zu benennen.

Sozialpolitik muss Selbstständigkeit stärken

Die Servicestelle verfolgt nach dem Bericht das Ziel, älteren Menschen ein selbstbestimmtes Leben und gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen. Dies ist ein richtiges und wichtiges Ziel. Aus bürgerlicher Sicht muss aber entscheidend sein, ob die angebotene Hilfe tatsächlich zur Selbstständigkeit beiträgt.

Unterstützung sollte Menschen befähigen, wieder eigenständig zu handeln. Sie darf nicht in dauerhafte Begleitung oder eine immer umfassendere Abhängigkeit von öffentlichen Stellen münden. Deshalb braucht es klare Kriterien: Wann beginnt eine Beratung? Wann ist ein Fall abgeschlossen? Welche Hilfe zur Selbsthilfe wurde geleistet? Und wann muss an Angehörige, Nachbarschaft, Vereine, freie Träger oder spezialisierte Stellen verwiesen werden?

Der Staat kann und soll Menschen in schwierigen Situationen unterstützen. Er kann aber nicht jede familiäre, nachbarschaftliche oder gesellschaftliche Beziehung ersetzen. Eine verantwortungsvolle Sozialpolitik muss daher sowohl Hilfsbereitschaft als auch Eigenverantwortung, bürgerschaftliches Engagement und subsidiäre Strukturen stärken.

Veranstaltungen: Teilnahme und Kosten transparent machen

Der Bericht listet zahlreiche Veranstaltungen für Seniorinnen und Senioren auf. Dazu zählen unter anderem Ausflüge, Führungen, PC-Kurse, Wanderungen, Tanzveranstaltungen und zwei Adventskonzerte mit insgesamt 537 Besucherinnen und Besuchern. Diese Angebote können zur sozialen Teilhabe beitragen und Einsamkeit entgegenwirken.

Allerdings fehlen auch hier wichtige Informationen zur politischen Bewertung. Nicht ausgewiesen werden beispielsweise:

  • die Gesamtkosten der einzelnen Veranstaltungen,
  • die Kosten pro Teilnehmerin oder Teilnehmer,
  • die Einnahmen aus Teilnahme- und Eintrittsgebühren,
  • der Umfang des Einsatzes städtischer Beschäftigter,
  • und die Frage, ob alternative Anbieter oder Vereine vergleichbare Angebote kostengünstiger organisieren könnten.

Gerade bei freiwilligen kommunalen Leistungen ist diese Transparenz unverzichtbar. Es geht nicht darum, älteren Menschen sinnvolle Begegnungen oder kulturelle Angebote vorzuenthalten. Es geht darum, bei begrenzten Haushaltsmitteln ehrlich zu entscheiden, welche Angebote besonders wirksam und welche Strukturen langfristig tragfähig sind.

Ehrenamt darf kein Ersatz für professionelle Strukturen werden

Positiv hervorzuheben ist das Engagement der Ehrenamtlichen. Im Besuchs- und Ämterlotsendienst standen insgesamt 39 Personen zur Verfügung; 12 neue Seniorinnen und Senioren konnten an den Dienst vermittelt werden. Weitere 31 Ehrenamtliche unterstützten Veranstaltungen und Angebote der offenen Altenhilfe.JahresberichtSuB2025.pdf

Dieses Engagement ist ein großer Gewinn für Darmstadt. Gerade deshalb muss es geschützt werden. Ehrenamtliche dürfen nicht schleichend Aufgaben übernehmen, für die eigentlich professionelle oder gesetzlich zuständige Strukturen verantwortlich sind.

Die Stadt sollte daher offenlegen, wie die Ehrenamtlichen qualifiziert, begleitet und versichert werden. Ebenso muss geklärt werden, welche Tätigkeiten Ehrenamtliche übernehmen dürfen und wo fachliche Grenzen liegen. Bürgerschaftliches Engagement ist keine kostenlose Ersatzverwaltung. Es ist eine wertvolle Ergänzung, die nicht überfordert oder instrumentalisiert werden darf.

Neue Organisation braucht nachvollziehbare Begründung

Für 2026 kündigt der Bericht organisatorische Veränderungen an. Der Besuchs- und Ämterlotsendienst soll künftig vollständig durch das Amt für Soziales und Prävention übernommen werden; die bisherige Kooperation mit der Regionalen Diakonie wurde im Zuge einer Aufgabenoptimierung beendet. Gleichzeitig soll die Servicestelle wieder vollständig besetzt sein.

Diese Veränderungen können sinnvoll sein. Der Bericht erklärt jedoch nicht ausreichend, welche Einsparungen, Qualitätsverbesserungen oder organisatorischen Vorteile damit konkret verbunden sind. Wenn eine Kooperation beendet und eine Aufgabe vollständig in die Verwaltung übernommen wird, gehören mindestens folgende Informationen auf den Tisch:

  • Welche Kosten entstehen künftig bei der Stadt?
  • Welche Kosten entfallen?
  • Wie verändert sich der Personalaufwand?
  • Welche Leistungen werden künftig selbst erbracht?
  • Wie wird die Qualität der Begleitung überprüft?
  • Warum ist die kommunale Durchführung angeblich besser als bisherige Kooperationen?

Der Begriff „Aufgabenoptimierung“ darf nicht an die Stelle einer nachvollziehbaren Begründung treten.

Unsere Forderung: Mehr Transparenz und klare Prioritäten

Der Jahresbericht zeigt, dass die Servicestelle von vielen älteren Menschen genutzt wird und engagierte Arbeit leistet. Er zeigt aber ebenso, dass die politische Steuerung verbessert werden muss.

Für künftige Berichte sollten deshalb mindestens folgende Angaben ergänzt werden:

  1. Kosten und Personalaufwand je Aufgabenbereich.
  2. Ergebniskennzahlen statt nur Kontakt- und Teilnehmerzahlen.
  3. Angaben zu abgeschlossenen, weitergeleiteten und langfristig betreuten Fällen.
  4. Eine Bewertung der Wirtschaftlichkeit von Veranstaltungen und Projekten.
  5. Klare Abgrenzungen zwischen kommunaler Aufgabe, professioneller Hilfe, Ehrenamt und privater Verantwortung.
  6. Ein konkreter Plan zum Abbau von Bürokratie, die heute zusätzliche Beratung überhaupt erst notwendig macht.

Die Stadt soll älteren Menschen helfen, wenn Hilfe notwendig ist. Das ist eine Frage des sozialen Zusammenhalts und der Verantwortung. Gleichzeitig muss soziale Politik bezahlbar, zielgenau und wirksam bleiben.

Der Jahresbericht 2025 dokumentiert viel Engagement. Er beantwortet aber noch nicht ausreichend, ob die eingesetzten Mittel die größtmögliche Wirkung erzielen. 3.515 Kontakte sind eine wichtige Information aber kein Ersatz für eine ehrliche Wirkungs- und Kostenbilanz.

Link zum Bericht:
https://darmstadt.gremien.info/submission?id=20261106100189